Biographie

Annäherung an einen Unbegreifbaren

«Die Zeiten sind endgültig vorbei, wo man glaubte, Kafka auf den Punkt bringen zu können», sagt Peter-André Alt. Dennoch machte sich der Berliner Literaturprofessor in mehr als 5 Jahren Arbeit daran, dem als großes Rätsel der Literaturgeschichte geltenden Autor (1883 - 1924) noch einmal näher zu kommen. In seiner jetzt erschienenen Biografie «Franz Kafka. Der ewige Sohn» tut er dies mit viel Sachlichkeit und Umsicht und schließt damit eine auch von ihm selbst empfundene Lücke.

In der ausufernden Kafka-Forschung seien die Fragestellungen «immer kleinformatiger» geworden, stellt Alt im Gespräch fest, obwohl eine zufrieden stellende große Biografie seit langem gefehlt habe.

Auf Deutsch erschien zuletzt 2002 das viel besprochene Buch «Die Jahre der Entscheidung» von Rainer Stach, die mit psychologischem Blick und viel Erzählfreude nur Kafkas Leben zwischen 1910 bis 1915 beleuchtete. Alt schätzt Stachs Arbeit, jedoch stört ihn neben dem Titel die «zu knappe» Textanalyse, dies im übrigen nicht nur bei Stach, sondern auch bei anderen älteren Biografien.

Er selbst hat sich dagegen vorgenommen, Kafkas Lebenslauf mit dem «Blick eines Literaturwissenschaftlers» zu lesen und so Werk (u.a. «Der Verschollene» (1912), «Das Urteil» (1915), «Der Prozess» (1914), «Das Schloss» (1922) und Leben in einen «neuen Kontext» zu stellen. Dabei möchte der Literaturwissenschaftler, der sich ebenso programmatisch mit einer umfangreichen Schiller-Biografie (2000) zu Wort meldete, auch das Genre der Biografie weiterentwickeln.Kafka habe in seinem Werk «Konstellationen der eigenen Vita vorweggenommen» und «im Leben die Literatur nachgeahmt», lautet eine der akzentuierten, etwas sperrigen Hauptthesen des Buches. Im «unendlichen Dialog» zwischen Leben und Literatur rücke die Einbildungskraft in den Mittelpunkt, die den Raum der Erfahrungen «wie eine Traumlandschaft» gliedere. Daraus schließt Alt aber auch, dass gerade wegen dieser lebendigen Verbindung von Leben und Literatur eindimensionale Schlüsse nicht möglich sind, und hält sich daran, indem er viele unterschiedliche Deutungsperspektiven zu Wort kommen lässt.

Eine der zentralen Lebenskonstellationen Kafkas sei das Modell des «ewigen Sohnes» im Sinne eines Unfertigen: Kafka hat fast sein gesamtes Leben im Elternhaus verbracht, nie geheiratet, keinen eigenen Besitz erworben, keine Nachkommen gezeugt. Seine Liebe zur zweifachen Verlobten Felice Bauer und der späteren Freundin Milena Pollak, mit denen er zwei der berühmtesten Briefwechsel der Literaturgeschichte führte, lebte er nie aus. Bezeichnend ist laut Alt, dass Kafka eben diese Konstellation in seinem Werk vorwegnimmt. Seine später scheiternde Beziehung zu Felice nimmt «Das Urteil» vorweg, die zum Tode führende Tuberkulose findet in «Ein Landarzt» erste Andeutung im Sinne eines selbstzerstörerischen Lebensmodells.

Und zum Verständnis des unfertigen ewigen Sohnes passt auch, dass sein gesamtes Werk unvollständig und fragmentarisch geblieben ist. «Ich bin Ende oder Anfang» hat Kafka bezeichnenderweise über sich selbst geschrieben. Detailliert zeigt Alt den als «Visionär ohne Geschichte» geltenden Kafka darüber hinaus im Kontext seiner Zeit, als jüdischen Autor, der zahlreiche kulturelle Strömungen sehr genau beobachtete.

Aber auch als einen Menschen, der von inneren und äußeren Zwängen und Freuden hin- und hergerissen ist. Besonders in der Analyse der Texte zeigt Alt eine beeindruckende Durchdringung.Aber: Kafka bleibt in mancherlei Hinsicht «unbegreifbar», wie auch Alt während seiner Arbeit wiederholt konstatierte. Und dem Literaturwissenschaftler Alt sind tatsächlich auch einige Texte rätselhaft geblieben, etwa die Erzählung «Jäger Gracchus». Der Ansatz, Kafkas Leben und Werk aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten, scheint allerdings mit Blick auf das Rätselhafte, das Kafka umgibt, der derzeit schlüssigste zu sein.

Almut Cieschinger (dpa)
03.11.2005

 
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Das Buch:

Peter-André Alt:
Franz Kafka. Der ewige Sohn

Bild: Buchcover Peter-André Alt, Franz Kafka. Der ewige Sohn

München: C. H. Beck Verlag 2005,
762 S., € 34,90
ISBN: 3-4065-3441-4

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