Biographie

Schlesien - die schwierige Heimat

"Geliebtes und verfluchtes Land" von Hannelore Deinert ist zuerst einmal ein sehr schweres, dickes Buch. Nach 643 Seiten wird der Leser das Buch nicht mit der Bemerkung weglegen können, jetzt habe er Schlesien begriffen. Das kann nämlich niemand. Dafür ist die von so vielen Lasten belegte Geschichte Schlesiens einfach zu lang und zu komplex. Drei schlesische Kriege haben allein im 18. Jahrhundert zu schwerwiegenden Veränderungen geführt, der Siebenjährige Krieg war der dritte und wohl auch gravierendste. Im 20. Jahrhundert führten die Deutschen zwar 1938 Ober- und Niederschlesien wieder zusammen, aber es folgte der Überfall auf Polen, später der Russlandfeldzug und dann 1945 die Zwangspolonisierung der deutschen Bevölkerung, soweit sie nicht vertrieben wurde. Die deutschen Ortsnamen verschwanden. Der polnische Staat zog das Eigentum der Deutschen ein, 1946 sprachen polnische Dekrete den Enteigneten das Recht auf Entschädigung ab. 634.106 tote oder vermisste Deutsche sollen es im Zusammenhang mit der Vertreibung gewesen sein.

Kommt nun Groll und Hass auf, wenn 2009 ein ehemaliger Flüchtling versucht, der Heimat von damals nachzuspüren? Hannelore Deinert begleitet Rolf Dengler nach Schlesien, wobei im vorliegenden Buch die Namen verändert wurden. Die Abläufe und Fakten aber holte sie aus Beschreibungen und setzte diese gekonnt ein. Nein, Groll kam nicht auf. "Als in Rolf ein leiser Groll aufsteigen wollte, vergegenwärtigte er sich, dass die Eltern und Großeltern dieser Polen nicht aus freien Stücken in das Land seiner Vorfahren gekommen waren, sie wurden vor fünfundsechzig Jahren aus ihrer ostpolnischen Heimat, die von den Russen vereinnahmt wurde, nach Schlesien zwangsumgesiedelt." Ein Verschiebungsdrama großen Ausmaßes also, was sich hier abspielte.

Die eigentliche Leistung von "Geliebtes und verfluchtes Land" ist die Dichte, mit der die Autorin den Rückstieg in die Vergangenheit mit Leben füllt. Eine überaus anschauliche Sprache, die ganz nahe am Geschehen bleibt, macht die Geschichte erlebbar. Dabei verknüpft Hannelore Deinert zwei Handlungsstränge: Einerseits die Fahrt über die Neisse ins alte schlesische Land hinein, die zu Begegnungen in Sprottau und zur Wiederentdeckung des inzwischen verwahrlosten Schlösschens führt. Andererseits die Vorwärtsentwicklung damals, etwa ab der Machtergreifung Hitlers.

Grabsteine sind stumme Stationen dieser Suche durch die Geschichte, die gleichzeitig eine Reise zu sich selbst sein muss. Die Geschichte lebt auf mit all ihren schlimmen Seiten, mit der Kristallnacht etwa, dem Leid im Laufe des Unternehmens Barbarossa, vor allem in Stalingrad, den Konzentrationslagern, der vernebelnden Lügenpropaganda Goebbels. Auch wenn "Geliebtes und verfluchtes Land" ein persönliches und deshalb nicht zuerst politisches Buch ist, scheint der Hintergrund als Erklärungsversuch auf, was das Buch doppelt interessant macht.

Man liest eine einwandfreie, hochwertige Sprache, die durch ihre Plastizität gut greifbar wird und eine bemerkenswerte Vorstellungskraft verrät. So wird das Buch eine Verbindung von Dokumentarischem und Romanhaftem, wobei man der Autorin jederzeit abnimmt, dem Geschehen treu geblieben zu sein und nichts der Spannung zuliebe aufgebauscht zu haben. Schlesische Geschichte braucht man ohnehin nicht aufzupusten, sie ist dramatisch genug, ihre Schicksale und Widersprüche wirken bis tief in die Gegenwart hinein. Die Erinnerung an sie ist immer bedrückend.

Man vermutet richtig, dass dies nicht das erste Buch ist, was Hannelore Deinert veröffentlichte. Tatsächlich: Wer will, kann auf das "Geheimnis um das alte Bauernhaus", auf "Das Katzenmädchen" und auch auf "Anika und die Höhle der Erkenntnis" zurückgreifen.

Ronald Roggen
16.01.2012

 
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Das Buch:

Hannelore Deinert:
Geliebtes und verfluchtes Land. Schicksal und Flucht einer schlesischen Familie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Bild: Buchcover Hannelore Deinert, Geliebtes und verfluchtes Land. Schicksal und Flucht einer schlesischen Familie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Frankfurt am Main: public book media Verlag 2011
643 S., € 28,80
ISBN: 978-3-86369-001-4

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