Biographie

Das Ringen um Freiheit und Demokratie: Wie das Grundgesetz entstand

Es ist die Geschichte einer unwahrscheinlichen Begebenheit: Deutschland, nach dem Jahrtausendverbrechen des millionenfachen Judenmordes noch taumelnd, militärisch besiegt, wirtschaftlich und moralisch am Boden - dieses Deutschland sollte sich eine moderne, eine freiheitliche Verfassung geben. Hundert Gründe sprachen gegen ein Gelingen, als sich die Väter und Mütter des Grundgesetzes in den bitteren Nachkriegsjahren ans Werk machten - doch das Projekt hatte Erfolg.

«Das Grundgesetz - Eine Biografie» lautet der Titel, doch was Christian Bommarius in seinem sehr dicht und spannend erzählten Buch schildert, betrifft vor allem die pränatale Phase jener als Provisorium gedachten Verfassung, die sich heute längst zum weltweiten Exportartikel entwickelt hat. Also die unmittelbaren Nachkriegsjahre, in der zunächst der Verfassungskonvent von Herrenchiemsee und dann der Parlamentarische Rat in Bonn zusammentraten - um nicht weniger als die Grundlage für eine staatliche Wiederauferstehung aus der Asche der mörderischen Nazidiktatur zu schaffen.

Als die 66 Männer und vier Frauen - zentrale Figuren waren etwa Carlo Schmid oder Hermann von Mangoldt - über die Elemente einer demokratischen Verfassung berieten, war kaum etwas in Stein gemeißelt. Die politischen und geistigen Strömungen waren in Begriff, sich neu zu formieren. Die CDU liebäugelte zunächst gar mit einem Sozialismus unter christlicher Verantwortung - eine Flause, die ihr von Konrad Adenauer ausgetrieben wurde. SPD-Chef Kurt Schumacher strebte nach einem Zentralstaat, doch da blockten die Alliierten; sie wollten staatliche Macht lieber föderalistisch umverteilt sehen.

Wie wenig in der Gründungsphase selbstverständlich war, zeigt die Diskussion um die Todesstrafe. Die Mitglieder des Parlamentarischen Rats waren unschlüssig, aus der CDU kam der Antrag für ihre Beibehaltung, derweil der rheinland-pfälzische Justizminister Adolf Süsterhenn in Mainz die Vorbereitungen zur Hinrichtung einer zweifachen Kindsmörderin traf. Da stand Friedrich Wilhelm Wagner auf, ein von den Nazis verfolgter Sozialdemokrat, und erinnerte daran, dass gerade Deutschland allen Anlass habe, der «Barbarei» ein Ende zu setzen: «Bei uns ist der Tod umgegangen», beschwor er die Ratsmitglieder. Die Todesstrafe wurde mit großer Mehrheit abgelehnt.

Das Ringen um Recht und Freiheit, der Wunsch nach einer stabilen Demokratie, auch Schwachheiten und dunkle Kontinuitäten im traumatisierten Deutschland: Bommarius - leitender Redakteur bei der Berliner Zeitung - schildert die Entstehungsphase des Grundgesetzes mit meisterhafter Prägnanz und beeindruckender Detailkenntnis.

Dabei tauchen nicht nur die Protagonisten auf, wie Elisabeth Selbert mit ihrer so listigen wie erfolgreichen Kampagne um den Artikel «Männer und Frauen sind gleichberechtigt.» Randbegebenheiten wie die des Stenografen Vinzenz Koppert illustrieren, wie aberwitzig der Sprung der Deutschen aus der Nazidiktatur ins demokratische Deutschland anmutet. Koppert hatte 1944 den Prozess gegen die Mitglieder des Widerstands protokolliert, mitsamt der Todesurteile. Vier Jahre später wurde er Chef-Stenograf im Parlamentarischen Rat - und protokollierte die Abschaffung der Todesstrafe.

Wolfgang Janisch, dpa
16.02.2009

 
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Das Buch:

Christian Bommarius:
Das Grundgesetz - Eine Biografie

Bild: Buchcover Christian Bommarius, Das Grundgesetz - Eine Biografie.

Berlin: Rowohlt Verlag 2009
287 S., € 19,90
ISBN: 978-3-87134-563-0

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