Biographie

Biografie über das «glamouröseste Geschwisterpaar» der Weimarer Zeit

Zeitgenossen hielten sie für das «glamouröseste Geschwisterpaar der Weimarer Republik»: Eleonora und Francesco von Mendelssohn, geboren in einer der reichsten Familien Berlins. Im Palais ihrer Eltern im Grunewald - der Vater als einer der direkten Nachfahren des jüdischen Philosophen Moses Mendelssohn ist Bankier - wird ein opulenter Lebensstil gepflegt. Zu den Gästen gehören die geistigen und politischen Eliten. Als sich die 1900 geborene Eleonora für die Bühne entscheidet, hat das viel mit ihrer Taufpatin, der berühmten Schauspielerin Eleonora Duse zu tun. Auch der um ein Jahr jüngere Bruder Francesco interessiert sich mehr für die schönen Künste als fürs Bankgeschäft. Seine Leidenschaft ist das Cellospiel. Beide sterben nach einem ruhelosen Leben in New York.

«Gibt es etwas Schöneres als Sehnsucht?» titelt der aus Basel kommende Theaterwissenschaftler Thomas Blubacher eine erste Biografie der fast vergessenen Mendelssohn-Geschwister, in der das Panorama einer ganzen Epoche aus einem neue Blickwinkel betrachtet wird. Fritz Kortner, Ernst Deutsch, Alexander Granach, Werner Krauß, Gustaf Gründgens, Albert Einstein, Arturo Toscanini, Vladimir Horowitz, Marlene Dietrich, Bertolt Brecht, Klaus Mann, Ödon von Horwath, Carl Zuckmayer - die Liste derer, die irgendwann die Wege der Mendelssohns zwischen Berlin, Wien, Paris oder Zürich, Mexiko und den USA kreuzen, scheint endlos. Akribisch registriert der Autor Kontakte und Arbeitsbeziehungen Freund- und Feindschaften, Erfolge und Schicksalsschläge, Liebschaften und Ehen.

Eleonora heiratet vier Mal. Zu den von ihr lebenslang Angebeteten gehört unter anderem Regisseur Max Reinhardt, unter dessen Leitung sie mehrfach auf der Bühne steht. «Man kann nicht Mendelssohn heißen und sich nicht auf die jüdische Seite stellen», entschied sie nach dem Machtantritt Hitlers 1933 und reist ihren verfolgten Künstlerfreunden in die Emigration hinterher. Bei Theater-Projekten der Vertriebenen taucht häufig ihr Name auf. Oft ist sie es, die mit eigenem Geld die Arbeit unterstützt. In die erste Reihe des Bühnenstars schafft sie es nicht. 1951 nimmt sich Eleonora das Leben.

Francesco, der seine Homosexualität offen zur Schau stellt, findet kurzzeitig in Gründgens einen Gefährten und Geliebten. Nicht zuletzt durch diese Bekanntschaft vernachlässigt er seine Musikerkarriere und wendet sich Ende der 20er Jahre dem Theater zu, wo er bei Erich Engel und Reinhardt assistiert. Sein Debüt als Regisseur gibt er 1930 im Theater am Schiffbauerdamm in Berlin mit der Revolutionskomödie des Russen Valentin Katajew. Anhaltende Erfolglosigkeit bekämpft er zunehmend mit Alkohol. 1937 versucht er sich letztmalig in Paris an der «Dreigroschenoper». Als Francesco 1972 stirbt, hat der einstige «Paradiesvogel» mehrere erfolglose Entziehungskuren hinter sich.

Irma Weinreich, dpa
24.11.2008

 
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Das Buch:

Thomas Blubacher:
Gibt es etwas Schöneres als Sehnsucht?

Bild: Buchcover Thomas Blubacher, Gibt es etwas Schöneres als Sehnsucht?

Leipzig: Henschel Verlag 2008
448 S., € 29,90
ISBN: 978-3-89487-623-4

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