Biographie

Weltliteratur aus der Abgeschiedenheit des englischen Hochmoors

Vor mehr als 150 Jahren entstanden in dem kleinen englischen Ort Haworth in West-Yorkshire Romane wie "Jane Eyre", "Sturmhöhe" oder "Die Herrin von Wildfell Hall", heutzutage Klassiker der Weltliteratur. Die Schwestern Charlotte, Emily und Anne Brontë und auch ihr künstlerisch sehr begabter Bruder Branwell schufen in ihrem kurzen Leben – keines der Geschwister erreichte das 40. Lebensjahr – nur wenige Werke, dafür aber sehr nachhaltige. Ann Dinsdale, Bibliothekarin am Brontë Parsonage Museum in Haworth, widmet sich in ihrem Buch "Die Brontës in Haworth" zusammen mit dem Fotografen Simon Warner, der verantwortlich ist u.a. für Video-Installationen in der Brontë-Ausstellung desselben Museums, dem Leben der berühmten Geschwister.

Im ersten Teil der informativen und wunderschönen Bildband-Biographie porträtiert Dinsdale die einzelnen Familienmitglieder der Brontës und einige ihrer Bediensteten: der Vater Patrick Brontë, der sich 1820 mit seiner Frau Maria in Haworth als Pastor niederließ, die Schwester der Mutter, die sich nach deren frühen Tod um die Brontë-Kinder kümmerte, die schon im Kindesalter verstorbenen Töchter Maria und Elizabeth und natürlich die vier berühmten Kinder Charlotte, Emily, Anne und Branwell, der als bildender Künstler stets unterschätzt wurde und in späteren Biographien nur selten erscheint. Immer wieder wird die 1848 mit dem Roman „Mary Barton“ bekannt gewordene Schriftstellerin Elizabeth Gaskell, die mit Charlotte befreundet war und nur zwei Jahre nach deren Tod 1857 die erste Biographie über sie –  "Das Leben der Charlotte Brontë" – verfasste, zitiert. Dinsdale bemüht sich in dem Bild, das sie von der Familie zeichnet, mit einigen festgefahrenen Meinungen aufzuräumen – die nicht zuletzt der Gaskell’schen Biographie zu verdanken sind – so z.B. der Schilderung von Patricks Gemüt: Er sei unberechenbar, exzentrisch und wild gewesen und habe seine Kinder auf diese eigenbrötlerische Weise erzogen.

Wer sich schon ein wenig mit den Werken der Geschwister aus Yorkshire auskennt, kommt im Kapitel über das Schaffen der Brontës dennoch nicht zu kurz. Neben den Abschnitten über die Romane, die Charlotte, Emily und Anne Weltruhm verschafften und die übersichtlich gegliedert sind in eine kurze Inhaltsangabe, Rezeption und Reaktionen, berichtet Dinsdale auch über die Jugendschriften, die Gedichte und die Malereien der Schwestern. Schon als Kinder hatten sie sich Geschichten ausgedacht, die in den erfundenen Welten "Angria" und "Gondal" spielten. Der Phantasie der Kinder waren keine Grenzen gesetzt.

Die auch in Haworth lebende Autorin der Biographie hat sich in ihren Forschungen auf die Lebensbedingungen in dem kleinen englischen Ort um 1850 spezialisiert, so dass sie konsequenterweise dieses Wissen auch in ihre Schilderungen des Umfelds der Brontës einfließen lässt und somit der Schilderung interessante Nebenaspekte liefert. Sie schildert eindrucksvoll die hygienischen Gründe für die erschreckend niedrige Lebenserwartung in Haworth: 26 Jahre – wobei 41 Prozent der Kinder vor der Vollendung des 6. Lebensjahres sterben. So scheint es weniger verwunderlich, dass keines der Brontë-Kinder das 40. Lebensjahr erreicht hat. Was das soziale Leben der Familie betraf, kristallisiert sich schnell heraus, dass sie ein recht isoliertes, aber nicht vereinsamtes Leben geführt haben. Auch wenn sie nicht viele Kontakte pflegten und zum größten Teil zu Hause von ihrem Vater unterrichtet wurden, konnten sie sich immer auf die Gesellschaft ihrer Geschwister verlassen. Einzig Charlotte pflegte Kontakte zu einigen Schriftstellerkollegen wie William Thackeray und Elizabeth Gaskell. Sie war auch die einzige der Geschwister, die jemals verheiratet war.

Abgerundet wird die Biographie durch eine ausführliche Zeittafel und Auswahlbibliographie und nicht zuletzt durch die vielen Fotos, Zeichnungen und Abbildungen von Manuskriptseiten. Der Fotograf Simon Warner, der sich mit Aufnahmen der Landschaften Großbritanniens einen Namen gemacht hat, versteht es, die Schönheit, Schroffheit und wohlige Öde der Landschaft Yorkshires einzufangen und damit den Leser atmosphärisch perfekt in die Welt der Brontës zu versetzen.

Sabine Mahnel
09.06.2008

 
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Das Buch:

Ann Dinsdale:
Die Brontës in Haworth. Aus dem Englischen von Brigitte Beier. Mit Fotos von Simon Warner

Bild: Buchcover Ann Dinsdale, Die Brontes in Haworth

Hildesheim: Gerstenberg Verlag, 2007
160 S., € 29,90
ISBN 978-3-8369-2961-5

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