Biographie

Goethes Gesellen

Walther Freiherr von Goethe erklärte: "seine Aufgabe Goethes Enkel zu sein, sei wahrhaft schon schwierig genug." So, wie zitiert, Dagmar von Gersdorff in ihrem Buch "Goethes Enkel". Geschildert wird die Geschichte des Aussterbens der Goethes im 19. Jahrhundert. Das ist eine Sterbe-Geschichte, die ein halbes Jahrhundert dauerte. Das Aussterben begann mit dem Tode des Großvaters am 22. März 1832. Der soll ein großmütiger, großzügiger, großherziger Doyen und somit die einzig stabile, starke Persönlichkeit des Geschlechts gewesen sein.

Die ersten hundert Seiten des Buches erzählen herzliche und herzige Großvater-Enkel-Begegnungen und geben ihm die Substanz, die sich nach dem Ableben des allmächtigen Alten nicht aufrechterhalten läßt. Blaß bleiben die Passagen zur frühverstorbenen Alma, der Jüngsten, der einzigen Enkelin Goethes. Auch die Biographien von Walther und Wolfgang, der älteren Brüder, boten der Autorin nicht den Stoff, aus dem sie etwas zu machen verstand. Es heißt, die Jungs „wuchsen heran wie kleine Götter“. Für´s irdische Leben der Männer war das Aufwachsen in der abgeschirmten Goethe-Gesellschaft kein Glück. Walther und Wolf, wie der Jüngere genannt wurde, waren keineswegs weltfremde Hagestolze Junggesellen, die sie blieben, starben sie im siebten Lebensjahrzehnt. Unerfüllt und enttäuscht. Walther wurde kein Musiker, Wolf kein Dichter, was der Großvater erwartete. Der Schatten des großen Goethe verdunkelte ihre Existenz. Eigenes, das in ihnen war, kam kaum zur Geltung. Zum Beispiel Walthers Homosexualität, die sich in seine Liebe zu Robert Schumann offenbarte. Spricht Gersdorff über die Homoerotik der Brüder, artikuliert sie sich sprachlich wie gedanklich armselig. Die Rede ist vom "Gebiet der Homosexualität“. Werden Lebensumstände Walthers beurteilt, ist zu lesen: „Das kam seiner Veranlagung offenbar gelegen". Das hat etwas derart Verdruckstes, daß es nur ärgerlich ist, zumal existenzielle Belange der Brüder im Gespräch sind.

Die Leser müssen entdecken und entscheiden, was die Lebenskräfte und den Lebenswillen von Walther und Wolf so arg beeinträchtigte. Einig waren sich die Beiden darin, Hüter des Hauses zu bleiben, in dem sie Momente des Glücks gelebt hatten. Über ein halbes Jahrhundert bewachten sie das Goethe-Haus in Weimar wie ein Mausoleum, bevor es zu einem Dichter-Museum von Weltgeltung werden konnte. Das vorbereitet zu haben, ist die Leistung der Enkel. Eine Freundin der Familie sah die Geschwister als "zwei in Nachtvögel verzauberte Prinzen, die einen vergrabenen Schatz bewachen." Von derart verständnisvoll-verklärender Verehrung distanziert sich die Verfasserin von „Goethe Enkel“ nie weit genug. Möglich und nötig wäre das gewesen. Es ist wahrhaftig schwierig, den Goethes so gerecht zu werden, wie das Sigrid Damm in ihren Goethe-Büchern bisher gelungen ist.

Bernd Heimberger
03.03.2008

 
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Das Buch:

Dagmar von Gersdorff: Goethes Enkel. Walther, Wolfgang und Alma

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Frankfurt am Main, Leipzig: Insel Verlag 2008
288 S., 19,80
ISBN: 978-3-458-17392-2

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