Biographie

Mrs. Fuball

Für den globalen Frauenfußball ist sie ein absoluter Glücksfall: Megan Rapinoe ist nicht nur das Gesicht der überragenden amerikanischen Weltmeistermannschaft, sondern der gesamten Sportart, auf dem Platz wie auch abseits des grünen Rasens. Die mittlerweile 35-jährige Kalifornierin beackert gefühlt seit Dekaden unermüdlich die Außenlinien des Platzes, doch zur absoluten Persönlichkeit ist sie erst in den letzten Jahren herangereift. Obgleich ihre Leistungen stets tadellos waren und sogar viele männliche Skeptiker überzeugt haben, hat sie sich mit ihrem bemerkenswerten Verhalten vor und nach den 90 Minuten zu einer Ikone des Sports aufgeschwungen. Ihre Botschaften und Aussagen zur Trump-Regierung und Appelle hinsichtlich der Ausgrenzung von Minderheiten finden weltweit Gehör. Natürlich ist ihr dabei ihre außerordentliche Fähigkeit, unter allerhöchstem Druck Weltklasse-Leistungen auf dem Platz zu zeigen, durchaus behilflich.

Der italienische Sportjournalist Luca Caioli hatte sich in den vergangenen Jahren einen Namen gemacht als Biograf vieler männlicher Fußballstars, die in Spanien und Frankreich die Fans verzaubern. Zu Lionel Messi, Cristiano Ronaldo, Neymar, Kylian Mbappé und Luis Suárez hat der in Spanien lebende Autor Werke vorgelegt, die in die Bücherregale des Weltfußballs Einzug gehalten haben. Zusammen mit Cyril Collot, einem französischen Journalisten, hat er sich nun Megan Rapinoe gewidmet, der Weltfußballerin 2019, Weltmeisterin 2019, besten Spielerin der Weltmeisterschaft 2019 und besten Torschützin der Weltmeisterschaft 2019. "Megan Rapinoe: Ikone" lautet der Titel der im September beim Göttinger Werkstatt Verlag erschienenen deutschen Übersetzung.

Natürlich können sich die beiden Autoren bei Megan Rapinoe nicht nur auf deren Spiele, Tore und Erfolge konzentrieren. In dem vorliegenden, chronologisch aufgebauten Werk beginnen sie schon in jungen Jahren den Menschen hinter der robusten Kickerin zu beleuchten. Sie hinterfragen, was Megans Werte und Anschauung so sehr zementiert hat, dass sie später in der Blüte ihres Lebens auch nicht Halt macht vor Donald Trump und diesem ins Gesicht schmettert, dass sie niemals in sein verdammtes Weißes Haus eingeladen werden möchte. Tatsächlich wird Megans Kindheit und Jugend schon früh durch Schicksalsschläge erschüttert. Jedoch erscheint sie sichtlich gestärkt aus der Tragödie um ihren Bruder hervorzugehen, der auf die schiefe Bahn gerät und schlussendlich im Gefängnis landet.

Hinzu kommt bereits in jungen Jahren Megans innerer Kampf ihrer Gefühle mit den Erwartungen der konservativen Gesellschaft. Sie unterdrückt ihre Begierde zum gleichen Geschlecht jedoch nicht und geht schon früh in ihrer Karriere damit offen um und verkündet ihre Homosexualität als die normalste Sache der Welt. Bevor sie später ihren Kampf gegen Rassismus und die Unterdrückung von Minderheiten beginnt, ist sie bereits das Gesicht der LGBT-Bewegung. Auf dem Platz, so wissen die Autoren zu berichten, tröpfeln Megans Erfolge aber anfangs nur. Aufgrund von Verletzungsproblemen wird sie oft monatelang zurückgeworfen, kämpft sich jedoch stets wieder zurück. Darüber hinaus machen es ihr die vielen Vereinswechsel nicht leicht, kontinuierlich große Erfolge zu feiern. Ihre Serie, Goldmedaillen mit nach Hause zu bringen, startet Megan erst bei den Olympischen Sommerspielen 2012 in London, kurz nach ihrem befreienden öffentlichen Coming-Out.

"Megan Rapinoe: Ikone" ist ein schnell zu konsumierendes Buch, das einem eine der bemerkenswertesten Frauen der Sportwelt näherbringt, die es geschafft hat, auf dem Platz, aber auch außerhalb davon anerkannt zu werden. Ihr beeindruckender und vorbehaltloser Kampf gegen die Ressentiments des weißen männlichen Amerikas verlangt einem allerhöchsten Respekt ab. Ihre sportlichen Gratwanderungen, trotz noch nicht ausgeheilter Verletzungen in den allerwichtigsten Spielen über die Gesundheits- und Leistungsgrenzen hinauszugehen und dabei immer abzuliefern, lassen sogar jeden überzeugten Männerfußballer den Hut ziehen. Auch wenn sich ihre Karriere eingedenk der bereits angebrochenen zweiten Hälfte ihres vierten Lebensjahrzehnts auf der Zielgeraden befindet, wird man von Megan Rapinoe auch in Zukunft noch hören dürfen.

Christoph Mahnel 
05.10.2020

 
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Das Buch:

Luca Caioli, Cyril Collot: Megan Rapinoe. Ikone. Aus dem Franzsischen von Annika Klapper

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Gttingen: Verlag Die Werkstatt 2020 192 S., 18,00 ISBN: 978-3-7307-0513-1

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