Biographie

Fsser mit Fauligem

Bevor mit dem Buch "Havemann" begonnen wird: Bleistifte spitzen! Dieses Buch "Havemann"- h?rt sich an wie das Buch Mose- braucht die An- und Unterstriche wie die Anmerkungen. Dieses Buch "Havemann" ist ein au?er ? ordentliches Buch. Ein ungew?hnliches Buch! Geschrieben von einem Ungew?hnlichen. Florian Havemann?s "Havemann" will die Gew?hnlichen nicht schrecken. Da? sie beim Lesen er- und zur?ckschrecken ist nicht die Schuld des "St?renfrieds", "Schmierfinken", "Psychopathen". Als den versuchen die Gew?hnlichen den Ungew?hnlichen nun zu denunzieren und so zu diskreditieren.

Das Drama sind die Denunzianten. Jene Denunzianten , die, in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts, rege an den Geschicken der Geschichte beteiligt waren. Oder meinten, sich beteiligen zu m?ssen. Denunzianten sind f?r den Verfasser die gewandt-wortwendigen Weltverbesserer. Die Leute also, die sich als Wortf?hrer fortw?hrend auf das Volk berufen, in dessen Auftrag sie angeblich agieren, ohne bei und mit dem Volk zu sein. Florian Havemann ist kein Denunziant. Als den m?chten ihn seine feindlichen Freunde und freundlichen Feinde jetzt gern am Pranger sehen. Havemann schildert Geschichten des Denunzierens am Beispiel der Familie Havemann. Am Beispiel der Geschicke dreier Havemann-Generationen, die beispielhaft f?r das beispiellos-verheerende 20. Jahrhundert stehen. Das, so gesagt, m??te auch von den gesellschaftlichen Verheerungen durch Denunzianten gesprochen werden. Und von den Verheerungen, die Denunzianten in sich und folglich in ihrer unmittelbaren Umgebung anrichten. Sprich im Kreis der Familie und Freunde.

Florian Havemann, Sohn des prominentesten DDR-Dissidenten, kann und will nicht von seiner Familie lassen. Er liebt seine Familie. Er leidet an seiner Familie. Und mit ihr. Deshalb mu?te er die Szenen einer ?schrecklich netten Familie? aus Deutschland schreiben. F?r den Schreiber bedeutete das strikt zu sein. Strikter als je jemand in der Familie. Strikter als der NSDAP-SED-Gro?vater. Strikter als der aktive Antifaschist, Stalinist, B?rgerrechtler Robert Havemann. Strikter als der kleine Kreis Gleichgesinnter, die sich um den Vater gesellten. Strikt zu sein verlangte vom Verfasser des ?Havemann? einem einzigen Prinzip des Darstellens verpflichtet zu sein und zu bleiben. Florian Havemann vergatterte sich dazu, die Dinge darzustellen, wie sie waren. Seiner Sicht, Ansicht und Einsicht entsprechend. Das verlangte, die Dinge anders darzustellen, als sie zumeist nach au?en dargestellt wurden und so Au?en gelten sollten.

Vor allem die Dinge der DDR. F?r die war der Vater ein Mitverantwortlicher. Auch, als er zum vermeintlichen Widersacher der realen DDR geworden war und als solcher von s?mtlichen Widersachern der DDR hofiert wurde. Es waren die Dinge, die auch Florian Havemann bedr?ngten und bedrohten. Dinge, die den noch nicht 17j?hrigen f?r vier Monate in Haft brachten, weil er sich nicht nur mit Wortgepl?nkel dem Einmarsch der Staaten des Warschauer Vertrages in die Tschechoslowakei widersetzte. Vier Monate, die zu bestimmenden Monaten der Biographie des Florian Havemann wurden. Er hat lebenslang bekommen in dieser Zeit. Er mu? dar?ber sprechen, was ihm wie widerfahren ist. Das jedoch nicht mit der Haltung der ?rigerosen Moralit?t?, die dem 1952 Geborenen fr?her so eigen war, wie er selbstzweifelnd-kritisch des?fteren bemerkt. Dennoch rigeros. Dennoch mit dem Ma?stab der Moral. Den braucht die Striktheit des Schreibers, um strikt zu bleiben.

?Warum sollte ich Zensur ?ben?, ist eine der vielen Fragen des Florian Havemann an sich? ?- ich mu? ja zum Gl?ck nicht seri?s sein?, ist eine der gar nicht so kategorischen Feststellungen und Festlegungen des Autors, der aus einem Brief zitiert: ?sauereien werde ich nicht sagen, die richten sich sowieso gegen mich....? Klingt, fast, so, als m??te sich der Verfasser verteidigen. Niemand mu? Florian Havemann verteidigen. Auch nicht Florian Havemann. Ohne Selbstzensur zu ?ben, ohne seri?s sein zu m?ssen, kann er seine Geschichte der Geschichte der deutschen Familie Havemann mit derben Anekdoten erz?hlen. Manche werden Manches als Sauerei, als ausgemachte Sauerei lesen. Auch manche Medienvertreter, die ihr fixiertes Soll im Sinn haben, die im Sold der Meinungsmacher stehen. Jene, die seit Jahrzehnten den deutschen Haushalten ihre gestutzten Havemann-Biermann-Storys lieferten. Anders gesagt: Kolorierte Havemann-Biermann-Bilder. Hausgerecht  eben, damit alle Welt f?r die Wirklichkeit h?lt, was sie an Wirklichkeit projektiert und produziert hatten. Havemann will nicht der H?ter der Historie sein, die aus Papier und Zelluloid gebastelt wurde und unver?ndert in den K?pfen der Havemann-Biermann-Sympathiesanten spukt. Havemann hat die tats?chlichen Szenen der tats?chlichen Geschichten geschrieben. Auch die unsch?nen Szenen. Ungesch?nt! Da bleibt wenig von den Idealen und den Idolen. Zu wenig? Die S?ulen stehen hohl da. S?ulen aus Gips. Das waren sie so immer. War das nicht l?ngst bekannt und gewi?? Wem? Seit wann?

Ist der DDR-Abhauer Florian Havemann, der Aufr?umer und Aufkl?rer, der die ganze sch?n-konstruierte DDR-Opposition abr?umt wie eine verlodderte private Party? Die Beteiligen und ihre Claqueure werden es so sehen und sp?ren. Sie werden spucken, ausspucken. Der Autor ist vorbereitet: ?Man sch?tte die Dreckk?bel ?ber mir aus, ich stinke gern ein bi?chen?. Florian Havemann hat F?sser mit Fauligem ge?ffnet, in denen gut abgelagerter Wein vermutet wurde. Florian Havemann hat nicht nur Ideale fragw?rdig genannt und Idole in ihrer Fragw?rdigkeit gezeigt. Florian Havemann hat Menschen gezeigt, die ihm wichtiger sind als ihre Ideale und ihr Sein als Idole. Seite um Seite hatte er Illusionen auslaufen lassen. 1092 Seiten lang. Das m?ssen die Leser erst einmal schaffen. Wenn sie es denn schaffen, das Lesen von Seite 7 bis 1092. Oder umgekehrt.

?Havemann? l??t sich durchaus vom letzten Kapitel her bis zum ersten Kapitel hin lesen. Das ist, als w?rden zuerst die Spitzen der Bl?tter eines Baumes betrachtet. Dann die ?ste. Dann der Stamm. Dann die Wurzeln. Vielleicht wird so, nur so, verst?ndlich, da? da einer schreibt, der nicht nur schreibt, um sich selbst klar und klarer zu werden. Florian Havemann ist sich seiner sicher in seinem Tun. Sicher auch darin, sich Klarheit zu verschaffen, was ein Havemann ist. Ein Havemann ist einer, der in Phasen lebt. Wer nicht, m?chte man fragen? Wer nicht, der auf eine beachtliche ? auch beachtenswerte ? ? Lebensstrecke schauen kann? Florian Havemann meint die beachtliche Lebensstrecke dreier Havemann-Generationen. Beachtenswert in der Individualit?t. Beachtlich als Teil der deutschen Geschichte. Das ist un?bersehbar, obwohl der Autor nicht die komplette Familiengeschichte mit all ihren Geschichten erz?hlt. Es sind beachtliche, beachtenswerte, beispielhafte Geschichten einer Familie, die in Deutschland einen Namen hat. Einen selbstgemachten, gemachten Namen? Auf jeden Fall eine Familie, zu der sich Florian Havemann in ?Havemann? bekennt. Bekennen mu?! So, wie er sich, wider die Familie, mit ?Havemann? eine pers?nliche ??sthetik des Widerstandes? geschrieben hat. Und die hat auch in der Hand, wer flei?ig mit dem Bleistift war.

Bernd Heimberger
10.01.2008

 
Diese Rezension bookmarken:

Das Buch:

Florian Havemann: Havemann. Eine Behauptung

CMS_IMGTITLE[1]

Frankfurt/M.: Suhrkamp Verlag 2007
1091 S.
ISBN: 978-3-51841-949-6

Diesen Titel

Logo von Amazon.de: Diesen Titel können Sie über diesen Link bei Amazon bestellen.